Passau verunglückt im Tunnel ― warum wir eine Critical Mass brauchen

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Die Tunneldiskussion hat nun einen neuen Höhepunkt erreicht. Nachdem letztes Jahr dreiviertel der BürgerInnen gegen einen Fuß- und Fahrradtunnel gestimmt haben, die Linksabbiegespur nun aber erhalten bleiben muss (Kommunalwahlkampf sei dank) und die Begebenheiten keine andere Lösung sinnvoll erscheinen lassen, sollen nun alle RadlerInnen auf die Straße gezwungen werden:

Der große Verlierer werden nach derzeitigem Stand so oder so die Radfahrer sein. In jedem Fall, selbst bei der maximal möglichen Gehweg-Erweiterung im nördlichen Tunnel, wird künftig in beiden Tunnelröhren das Fahrradfahren auf den Gehwegen nicht mehr erlaubt sein. Gutachter und Fachstellen haben die Stadt darauf hingewiesen, dass dafür die Gehwegbreiten rechtlich nicht ausreichen.

RadfahrerInnen auf dem (noch) freigegebenen Gehweg im Tunnel

RadfahrerInnen auf dem (noch) freigegebenen Gehweg im Tunnel

Das heißt künftig müssen FahrradfahrerInnen auf dem Weg von Hals oder Grubweg in die Altstadt oder zur Uni schon im Tunnel auf der linken Spur fahren. Zwischen schnell fahrenden Autos und dröhnenden LKWs schüchtert das ein. So fördert man keinen Radverkehr, so schreckt man ab. Fahrradtouristen, die den Donauradweg befahren, sind davon genauso betroffen wie Alltags- und Wochenendradelnde aus Passau.

Das ist nur eine weitere Entscheidung, die zeigt, wie wenig Radverkehr tatsächlich im Fokus der Bürgerschaft und Stadt steht. Das muss sich ändern. Es muss sich in Passau ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Radverkehr nicht den Verkehr behindert, sondern Teil des Verkehrs ist. Dass jede Besserung der Infrastruktur nicht nur einer Minderheit zu Gute kommt, sondern allen, die sich am Verkehr beteiligen. In Passau treffen sich deshalb seit kurzem jeden letzten Freitag im Monat RadfahrerInnen, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen und fahren Rad, als Gruppe, auf der Straße.

Critical Mass auf der Linksabbiegespur

Critical Mass in Passau, April 2014 © Boris Burkert

Das Ganze nennt sich Critical Mass und ist entstanden, um in der Ohnmachtssituation alleine auf dem Rad zwischen schnellerem, häufig rücksichtslosem Automobilverkehr Präsenz zu zeigen. Ziel ist es, auf den Fakt hinzuweisen, dass Radverkehr auch Verkehr ist, der Förderung bedarf. In vielen Städten Deutschlands ist die Critical Mass inzwischen fest etabliert. Beispielsweise in Hamburg finden sich monatlich mehrere tausend Personen zusammen, um gemeinsam Protest zu üben.

Die Critical Mass ist aber keine Demonstration im herkömmlichen Sinn, da es um den Spaß am gemeinsamen Radfahren in der Gruppe geht. Dabei gibt es bei einer Critical Mass weder OrganisatorInnen noch Verantwortliche, und auch die Route ist nicht von vornherein festgelegt, sondern entscheiden die momentan Vorausfahrenden spontan.
Im Gegensatz zu anderen Ländern kann sich eine Critical Mass in Deutschland auf Fahren im Verband berufen, wodurch sich eine Gruppe von mehr als 15 Radfahrenden wie ein einzelnes Fahrzeug verhalten darf.

Freitag, den 30.5. um 16:00 Treffpunkt im Klostergarten!

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Willkommen auf »Passau unterm Rad«

Außenstehenden präsentiert sich Passau als idyllische Stadt: eine barocke Altstadt, die schönste Uni Deutschlands, eine starke Solidarität im Katastrophenfall und weltoffenes, künstlerisches Ambiente. Doch jeden Tag verstopfen die Arterien der Stadt unter der Flut einer Blechmasse, die die Nerven der Auslösenden strapaziert und die AnwohnerInnen mit Verkehrslärm zudröhnt. Manche Stadtteile sind daran schon zu Grund gegangen, wie der Anger, der seit dem Ausbau der „Stadtautobahn“ zu einem stinkenden, lauten und menschenunwürdigen Eck verkommen ist.

In dieser angespannten Situation wird um jeden Quadratmeter Straße gekämpft. Aus diesem Dilemma scheinen nur noch aufwändige Projekte einen Ausweg zu bieten. Immer wieder tauchen Ideen auf, deren Umsetzung enorme Mittel verschlingen würde. Gerade im Kommunalwahlkampf wurde wieder ein Georgsbergtunnel ins Spiel gebracht: ein 1,6 km langer Tunnel um die Ilzstadt und den Anger zu entlasten.

Verkehr auf der Marienbrücke in Passau

Verkehr auf der Marienbrücke in Passau

Eine Transportform, die dagegen in ganz Deutschland wieder an Popularität gewinnt, ruft in Passau im besten Fall Schulterzucken, viel zu oft aber auch Unverständnis oder Hass hervor: das Fahrrad. Dabei hat es sehr viel Potential zur Verbesserung der Passauer Verkehrssituation. In einer so kleinen Stadt wie Passau ist (fast) jeder zentrale Ort in kürzester Zeit mit dem Rad erreichbar.

Fast zwangsläufig vorgebrachte Einwände gegen diese Argumentation darf man natürlich nicht ignorieren: Passau sei zu hüglig; nicht jeder kann oder mag Rad fahren; für im Umkreis von Passau Lebende sei das keine Option. Diesen und weiteren Argumenten will ich mich zu einem späteren Zeitpunkt stellen.

Aber es gibt sie, die trotzdem mit dem Rad zu Schule, Uni und Arbeit fahren, weil es für sie viel flexibler, praktischer und angenehmer ist. Sie verursachen keine Staus, brauchen weniger Platz zum Parken und schonen die Lungenflügel ― tragen also zum Wohle aller bei. Und doch hat die Stadt in den letzten Jahrzehnten wenig unternommen um diesen Fortbewegungsmodus zu fördern. Passau nennt sich „Fahrradstadt“ (Passau, ein „echtes Radlerparadies”), aber wenn es darauf ankommt werden RadfahrerInnen vergessen, ignoriert oder erscheinen nur als nachträglicher Gedanke. Passaus Bürgerschaft hat sich im letzten Jahrzehnt gleich zweimal ganz explizit gegen den Radverkehr ausgesprochen. 2009, als es um die Frage ging, ob RadfahrerInnen die damals noch neue Fußgängerzone durchqueren dürfen und bei dem Bürgerentscheid 2013 gegen einen Fuß- und Fahrradtunnel zwischen der Altstadt und Hals/Grubweg. Fürs Fahrrad gibt es keine akzeptable Verbindung zwischen Inn und Donau, die Altstadt ist eine Kopfsteinpflaster-Katastrophe, die großen Radwege (Donau- und Innradweg) innerhalb Passaus ― ein Witz.

Und so motiviert sich auch dieser Blog: Wir brauchen referenzierbare Stimmen in Passau, die gegen das „Kampfradler“-Gerede an modernen Stammtischäquivalenten angeht. Wir brauchen eine Sammelstelle für die vielen kleineren und größeren Absurditäten, denen man ständig auf dem Rad begegnet. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, was sich in Passau zum Besseren ändern kann. Vielleicht kann ich hier meinen bescheidenen Teil dazu beitragen.